Scham ist plötzlich überall
Eine Wienerin in Zürich
»Die Scham muss die Seite wechseln«: Dieser Ausspruch von Gisèle Pelicoti hat mich beeindruckt.
Mein erster Roman trägt den Titel STILLE SCHAM . Ausgewählt habe ich ihn, in Zusammenarbeit mit meiner Lektorin, bevor mir das Zitat von Pelicot bekannt war (es stammt ursprünglich von der Anwältin Gisèle Halimi).
Im französischen Original heißt Scham honte. In meinem Wörterbuch finde ich dafür die deutschen Übersetzungen Scham, Schande, Beschämung, Schandfleck, Verschämtheit, Blamage. Was soll also die Seite wechseln? Die Scham? Die Schande? Die Beschämung? Die Übersetzung zeigt, wie viel im Begriff der Scham kulturell gebündelt ist.
Wenig erstaunlich, dass die Scham heute nicht beliebt ist. Der Schamforscher Dr. Stephan Marks sagt im Interview im Podcast Hotel Matzeii, dass einem Kind vor nicht langer Zeit gesagt wurde »Schäm dich!«, während es heute eher hört: »Du musst dich doch nicht schämen«. Beides nimmt die Scham als Gefühl nicht ernst. Ersteres fügt der Scham, die jemand über etwas empfindet, die Beschämung hinzu; Zweiteres leugnet, dass Scham im Moment empfunden wird und als Gefühl eine Funktion hat.
Vivian Dittmar nennt Scham in ihrem Buch »Gefühle und Emotionen. Eine Gebrauchsanweisung«iii als eines der fünf Grundgefühle, neben Wut, Trauer, Angst und Freude. Scham sei die »Kraft der Demut«, die Interpretation »Ich bin falsch« lade zur Selbstreflexion ein. Für Marks ist Scham gar »Wächterin der Menschenwürde«.
Bei Rutger Bregman lese ich in »Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit«iv, dass in einer hierarchisch gestalteten Gesellschaft die Machthaber häufig schamlos seien. Dabei sei Scham eigentlich ein Regulativ, hätte über Jahrtausende hinweg bewirkt, die Mächtigen zu bezähmen.
Ich erinnere mich zurück an meine Kindheit. Die Turnlehrerin, die in harschem Tonfall zu mir sagte, als ich nach jedem Anlauf voller Angst vor dem Bock stoppte: »Du bist doch nicht dick, warum stellst du dich so ungeschickt an?« Der Deutschlehrer, der uns einzeln nach vorne rief. Ich musste Schillers »Die Bürgschaft« aufsagen. Ich wusste: Wenn ich stocke, lacht er und macht eine hämische Bemerkung, will, dass meine Mitschüler in sein Lachen einstimmen. Wenn das anderen passierte, wusste ich nicht, wohin mit meiner Fremdscham: »Ich schäme mich mit dem Kind und ich schäme mich für den Lehrer. Beides ist so intensiv, kaum auszuhalten.«
Menschen, die in der Schule und in der Familie nicht gelernt haben, mit ihren eigenen Empfindungen umzugehen, projizieren ihre Schamgefühle auf andere oder halten sich selbst klein und zurück, um nur ja nicht aufzufallen und lächerlich gemacht zu werden. Das ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung dafür, sich so zu verhalten und nichts zu ändern.
Jetzt, wo meine Aufmerksamkeit auf die Scham gerichtet ist, kommen mir Bücher unter, Artikel, Podcasts. Ich hoffe sehr, dass sich darin auch ein Trend bemerkbar macht: Sich mit der Scham auseinanderzusetzen, allen Aspekten von ihr, mit Offenheit, Interesse, dem Mut, sich ihr im eigenen Erleben zu stellen. Darüber zu sprechen, einander zuzuhören.
i Spektrum-Podcast: »Die Scham muss die Seite wechseln«, aber wie? (20.03.2026) https://www.spektrum.de/podcast/der-fall-pelicot-die-scham-muss-die-seite-wechseln-aber-wie/2315786
ii Schamforscher Dr. Stephan Marks – Warum ist Scham das Gefühl unserer Zeit? (03.05.2026) https://hotelmatze.podigee.io/536-schamforscher-dr-stephan-marks
iii Vivian Dittmar: Gefühle und Emotionen. Eine Gebrauchsanweisung. Edition Est. 6. Aufl. (2020) https://viviandittmar.net/buecher/gefuehle-und-emotionen/
iv Rutger Bregman. Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. 15. Aufl. (2023) https://www.rowohlt.de/buch/rutger-bregman-im-grunde-gut-9783499004162