In der Schweiz bin ich Ausländerin und damit ein Problem
Eine Wienerin in Zürich
Seit ich in der Schweiz lebe, habe ich mich immer gut aufgehoben gefühlt. Ich hatte nie den Eindruck, ich solle nicht hier sein. Und doch, die seit Jahrzehnten stimmenstärkste Partei des Landes sagt mir: Du bist hier unerwünscht.
Meine Erfahrung, hier willkommen zu sein, hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich äußerlich nicht als »Ausländerin« auffalle. Zudem komme ich aus einem Nachbarland. Ich spreche Deutsch, das zwar nicht Schweizerdeutsch ist, aber doch verstanden und von vielen in Zürich als herzig bezeichnet wird. Ich bin auf der Straße noch nie von der Polizei kontrolliert worden. Ganz im Gegensatz zu Menschen, die nicht so aussehen, wie offenbar Schweizer:innen auszusehen haben: Sie werden häufig angehalten und nach ihren Papieren gefragt.[1]
Als ich nach Zürich gezogen bin, wurde ich zur Ausländerin. Und damit zum Problem.
Am 14. Juni stimmen die Menschen in der Schweiz, die wählen dürfen, über eine Initiative ab, die sich »Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeits-Initiative)«[2] nennt.
Eine Initiative ist ein Instrument der direkten Demokratie in der Schweiz. Nur so ist es möglich, die Verfassung zu ändern. Prinzipiell kann jede Person mit Schweizer Pass, die wahlberechtigt ist, eine Initiative starten. (De facto hängt es von Geld und Einfluss ab, ob eine Initiative erfolgreich sein kann.) Innerhalb von 18 Monaten müssen mindestens 100.000 Schweizer:innen unterschreiben. Wenn diese Zahl erreicht ist, wird die Initiative an die Regierung (den Bundesrat) weitergeleitet. Nach formaler Prüfung kommt sie zur Abstimmung.
Derzeit leben etwas über 9 Millionen Menschen in der Schweiz. Würde die Initiative, die von den Gegner:innen »Chaos-Initiative« genannt wird, angenommen, müsste der Bundesrat ab 9,5 Millionen Wohnbevölkerung Maßnahmen ergreifen, damit die 10 Millionen bis 2050 nicht erreicht werden: Zunächst beim Asylrecht und den vorläufig Aufgenommen. Es würde zu einer Aufkündigung internationaler Abkommen führen. Der Familiennachzug müsste zum Beispiel verboten werden, was der Menschenrechtskonvention widerspricht.
Reicht das nicht aus, müsste das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU gekündigt werden. Dieser Vertrag trat 2002 in Kraft. Seither können Menschen aus EU-Ländern in die Schweiz kommen, um hier zu arbeiten oder zu studieren (ich gehöre dazu). Solange man einen Job hat oder genug Geld, um sich selbst zu versorgen, darf man hier leben. Umgekehrt ist es Schweizer:innen erlaubt, in EU-Ländern zu leben, zu arbeiten oder zu studieren. Es gibt rund 830.000 Auslandsschweizer:innen, rund 540.000 davon leben in EU-Ländern.
Die meist gewählte Partei in der Schweiz wartet auf Themen, die die Menschen beschäftigen und beunruhigen, mit einer einfachen Lösung auf: Ursache für alles ist die Zuwanderung, sprich: Schuld an allem sind »die Ausländer«.
Wenn ich mir das Argumentarium der Initiative durchlese, wird mir im Text sowie auf Fahnen und Plakaten mitgeteilt, wofür ich alles die Schuld trage: Wiesen werden zubetoniert und landwirtschaftliche Flächen verschwinden, die Mietpreise steigen, Autos stauen auf Autobahnen und sonstigen Straßen, überfüllte Züge, Gewalt und Kriminalität. Entgegengehalten wird mir ein STOPP-Schild.
Laut einer Umfrage würden 47% der Befragten für und 47% gegen die Initiative stimmen, der Rest ist noch unentschlossen.
Sollte die Personenfreizügigkeit mit der EU aufgekündigt werden, wären Folgen für die in der EU lebenden Schweizer:innen absehbar. Denn warum soll der Ausschluss nur einseitig gelten? Vielleicht würden einige davon in die Schweiz zurückkehren – was wiederum zu einem Anstieg der Bevölkerung führen würde, was dem Anliegen der Initiative ja zuwider liefe. Oder auch nicht: Denn es wären Schweizer:innen.
Mir hat sich gleich die Frage aufgedrängt: Was würde passieren, wenn die Schweizerinnen wieder mehr Kinder bekommen, was von rechten Parteien ja herbeigesehnt wird? Gibt es künftig eine 1-Kind-Politik, wird die Empfängnis staatlich kontrolliert? Es fällt auf, dass im Initiativtext ein Passus eingebaut ist, der von der Bereinigung der Zahlen ab 2050 um den »Geburtenüberschuss« spricht. Ich deute das so: Schweizerinnen und Schweizer dürfen und sollen sich schon vermehren, auch wenn die Bevölkerungszahl dann 10 Millionen übersteigt.
Es geht den Initianten meiner Deutung nach auch gar nicht darum, dass niemand mehr aus einem anderen Land in die Schweiz kommen darf. Ein Szenario nach Annahme der Initiative wäre eher: So etwas wie das Saisonnier-Statut wird wiederbelebt.
Vor 2002 hatten viele Menschen aus dem Ausland, die in der Schweiz arbeiteten, keine Niederlassungsbewilligung. Ihr Aufenthalt war ihnen nur für 9 Monate gestattet, dann mussten sie das Land für drei Monate verlassen. Diese Menschen, die zum Wirtschaftsboom beigetragen und Steuern gezahlt haben, mussten in Baracken hausen, bekamen wenig Lohn, der Schutz vor Arbeitsunfällen war gering. Bei der Einreise wurden an der Grenze demütigende Gesundheitskontrollen durchgeführt.
Im Initiativtext steht, dass die ständige Wohnbevölkerung (die vor 2050 zehn Millionen nicht überschreiten darf), »alle schweizerischen Staatsangehörigen mit einem Hauptwohnsitz in der Schweiz« sowie und hier wird es interessant – »alle ausländischen Staatsangehörigen mit einem Aufenthaltstitel für mindestens zwölf Monate oder mit einer Aufenthaltsdauer in der Schweiz von mindestens zwölf Monaten« umfasst. Saisonniers mit weniger als 12 Monaten Bewilligung fielen also nicht darunter.
Entrechtete Arbeiter:innen wären demnach nach wie vor erlaubt und gewünscht.
Besonders tragisch für die Saisonniers vor 2002 war, dass sie ihre Kinder nicht in die Schweiz mitnehmen durften. Auch ein Zusammenleben als Paar in der Schweiz war vielen nicht erlaubt bzw. sollte durch Kontrollen unterbunden werden, denn dann hätten Kinder entstehen können. Familien wurden auseinandergerissen, Kinder sahen ihre Eltern jahrelang nicht oder nur in den Ferien, andere wurden heimlich in die Schweiz gebracht und versteckt.
Menschen in gehobenen Positionen mussten sich diesen Kontrollen nicht unterziehen, ihre Familien konnten wie selbstverständlich mitkommen. Und ich nehme an, dass das auch für Stars und Reiche gegolten hat, die in die Schweiz kamen.
Die Erfahrungen der sogenannten Saisonniers werden gerade in einer Fotoausstellung in Zürich thematisiert.[3]
In der Schweiz wurde das Wort »Überfremdung« geboren, dessen Geist bis heute in Initiativen wie der vorliegenden herumwabert. Auch »Das Boot ist voll« stammt von hier. Einen lesenswerten Überblick zu den historischen Zusammenhängen gibt Melinda Nadj Abonji in ihrem Artikel »Moralische Korruption« in der Online-Zeitung »Republik«[4].
Solche Zusammenhänge in den Blick zu nehmen, wird von manchen in Kommentarspalten als moralisierend bezeichnet, man würde auf die wirklichen Probleme der Leute nicht eingehen und keine Lösungen bieten.
Es IST ein Problem, dass Grünflächen zubetoniert werden, sich kaum mehr jemand die Mietpreise leisten kann und Frauen Gewalt erfahren und umgebracht werden. Aber wer glaubt, die Annahme dieser Initiative würde tatsächlich dazu führen, dass die vielfältigen Ursachen ernsthaft angegangen werden? Ich hoffe inständig, nicht allzu viele!
[1] Siehe: Anja Nunyola Glover: Was ich dir nicht sage. BoD 2024
[2] Text der Initiative: https://www.bk.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis555t.html
[3] «Wir, Saisonniers…«: Zürich 1931-2026 | Eine Ausstellung über sichtbare Arbeit und unsichtbar gemachtes Leben, https://www.photobastei.ch/site/activity-details?id=723
[4] Melinda Nadj Abonji: Moralische Korruption, Republik (21.06.2025), https://www.republik.ch/2025/06/21/moralische-korruption