Warum kommt sie erst jetzt damit?

Eine Wienerin in Zürich

Frauen wird häufig vorgeworfen, lange über sexualisierte Gewalt geschwiegen zu haben. Dabei schwingt mit: Wenn sie so lange nicht darüber geredet hat, dann kann es nicht wahr sein, oder aber sie will sich im Nachhinein einen Vorteil verschaffen. Falls doch etwas Wahres darin zugestanden wird, dann sind die Frauen entweder selber schuld an dem, was ihnen angetan wurde, oder aber sie übertreiben: Was war denn schon so Schlimmes dabei, hab dich nicht so. Vor allem in Kommentarspalten wird Gift und Galle gespuckt.

Gerade gibt es wieder einen prominenten Fall in Österreich, wo eine Frau den mutigen Schritt gesetzt hat, das Verhalten ihres Chefs, das sie als bedrängend empfunden hat, zu melden. Natürlich, es gilt die Unschuldsvermutung für den Mann. Er sieht nichts Unrechtes in dem, was er getan hat, er wird klagen. Die Gerichte müssen entscheiden.

Doch warum gilt für Frauen automatisch die Unglaubwürdigkeitsvermutung?

Für meinen Debütroman, der am 5. Mai 2026 erscheinen wird, habe ich mich eingehend mit dem Thema der sexualisierten Gewalt in Konzentrationslagern in der NS-Zeit auseinandergesetzt. Lange blieb das eine Leerstelle: In der Wissenschaft, im offiziellen Gedenken, in den Medien. Mir ist selbst bis vor ein paar Jahren nichts dazu untergekommen, und so dachte ich: »Den Frauen ist bei all dem Schrecklichen wenigstens das erspart geblieben«. Was nicht stimmt. Aber eben wenig bekannt ist.

Weil es niemanden interessiert? Einige Forscher:innen haben sich des Themas seit den 90er-Jahren angenommen. Berichte von Betroffenen – ich spreche jetzt hier nur von den Frauen – gab es nicht viele. Die, die mit Wissenschaftlern gesprochen haben, wollten nicht, dass es veröffentlicht wird. Ein spezieller Aspekt liegt in den KZ-Bordellen. Männliche Funktionshäftlinge konnten in Lagerbordelle gehen. Junge und hübsche Frauen wurden in erniedrigenden Prozeduren im KZ Ravensbrück ausgewählt und in Konzentrationslager gebracht, in denen Bordelle eingerichtet worden waren. Das erste und am längsten bestehende war das im KZ Mauthausen, nahe bei Linz, nicht weit von Wien.

In meinem Roman »Stille Scham« hilft die 48-jährige Wienerin Katrin ihrer 99-jährigen Großmutter Luisa endlich doch noch darüber zu erzählen, dass sie im KZ Mauthausen sexuelle Zwangsarbeit leisten musste.

Aber wie kann darüber gesprochen werden, wenn es dafür so lange keine Sprache gab?

Katrin hilft ihr dabei, obwohl sie zunächst selbst gar nicht so viel darüber wissen will; es fühlt sich zu bedrohlich an, die Auswirkungen reichen in ihr eigenes Leben hinein.

Dass es KZ-Bordelle gegeben hat, wurde schon bei Kriegsende zu einem Tabu. Die männlichen Häftlinge wollten nicht, dass es bekannt wird, auch nicht die sich bildenden KZ-Gedenkstätten. Die Befürchtung: Wie schaut das denn aus? Wird dann nicht der Terror in den Konzentrationslagern und das Leid der Häftlinge unglaubwürdig?

Unglaubwürdig wurden daher die Frauen, die die sexualisierte Gewalt im Bordell erleben mussten. Sie sollten schweigen. Und sie schwiegen. Aus Scham. Und weil es für ihre Erlebnisse kein Verständnis gab, keinen Raum, kein Gefäß. Auch nicht in den Erzählungen über den Krieg, denn der wurde vor allem in Verbindung gebracht mit Soldatentum, kämpfen, Kameradschaft, verwundet werden, Kriegsgefangenschaft.

Ich bewundere jede Frau, die aus dem Schweigen ausbricht, auch wenn es Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte nach dem Geschehenen passiert: Sei es in der Familie oder unter Freund:innen, sei es, indem sie damit an die Öffentlichkeit geht.

Jede, die das tut, bringt uns näher heran an die Fragen: Welchen Menschen und ihren Erlebnissen wird Bedeutung gegeben, und was wurde und wird ignoriert, ausgelöscht, vergessen? Was darf sein und was nicht? Und wie wollen wir das künftig handhaben?

Dadurch, dass Luisa über ihre Erlebnisse spricht, holt sie sich zurück, was ihr und den anderen KZ-Bordell-Frauen verwehrt wurde: Dass das, was sie erlebt hat, existieren darf, zählt, gehört wird. Kurzum: Eine Geschichte zu haben.