Die (Un-)Sichtbarkeit von Frauen

Eine Wienerin in Zürich

Bei meinem ersten Aufenthalt in Zürich ist mir, aus dem Bahnhofsgebäude kommend, gleich ein Denkmal aufgefallen: Alfred Escher thront auf einem hohen Sockel, sein Blick der Bahnhofstrasse zugewandt. Diese Straße ist so etwas wie ein Äquivalent zur Kärntnerstraße inklusive Kohlmarkt in Wien, eine Einkaufsstraße mit Luxusmarken, aber auch den mittlerweile in allen europäischen Städten üblichen Fast-Fashion-Ketten.

Escher war ein Unternehmer und Politiker des 19. Jahrhunderts. Er gründete eine Schweizer Großbank sowie die ETH, die Eidgenössische Technische Hochschule, und gilt als Financier der Gotthardbahn und des Gotthardtunnels.

Bei meinen darauf folgenden Erkundungsspaziergängen durch Zürich sind mir weitere Denkmäler aufgefallen. Zum Beispiel das für Huldrych (Ulrich) Zwingli, Gründer der reformierten Kirche, oder das für Bürgermeister und Feldherr Hans-Waldmann. Viele Straßen, Plätze oder Brücken sind nach Männern benannt.

Was ist mit den Frauen? Waren und sind sie nicht wichtig für Zürich? Warum bleiben sie unsichtbar?

Erst kürzlich bin ich auf ein Denkmal für die letzte Äbtissin des Fraunmünster gestoßen: Katharina von Zimmern trat 1524 freiwillig die katholische Abtei samt Besitz und den damit verbundenen Rechten an die Stadt Zürich ab. Höchstwahrscheinlich konnte dadurch ein Bürgerkrieg abgewendet werden. Für die Frauen in Zürich bedeutete dieser Wechsel allerdings auch die Abtretung politischen Mitspracherechts für lange Zeit. Das Denkmal ist eigentlich ein Kupferquader, ohne Beschriftung, der seit 2004 ziemlich versteckt im Fraunmünster-Kreuzgang liegt. Wäre ich nicht im Rahmen einer Stadtführung darauf aufmerksam gemacht worden, hätte ich nicht gewusst, um was es sich dabei handelt.

In Wien ist das ähnlich mit den Denkmälern und Straßennamen. Doch wurden zumindest durch die neu entstandenen Stadtviertel einige Straßen, Gassen und Plätze nach Frauen benannt, so in der Seestadt Aspern, einem immer noch in Ausbau befindlichen Viertel im Osten Wiens: Hier befinden sich  unter anderem die Ada-Lovelace-Straße, der Maria-Trapp-Platz und die Janis-Joplin-Promenade. Nicht unbedingt alles Frauen aus Wien oder Österreich, aber immerhin.

Als Kind war es für mich normal, dass die meisten Straßen und Gassen in meiner Heimatstadt Wien nach Männern benannt waren. Wenn ich Erwachsene gefragt hätte, warum das so ist, wäre die Antwort wohl gewesen: Nur Männer haben Bedeutsames geleistet in der Politik, der Wissenschaft und der Kunst.

Heute weiß ich: Das ist zum einen falsch. Zum anderen wurde es Frauen gesetzlich und moralisch untersagt, in diesen Gebieten tätig zu sein. Aufgrund der gesellschaftlichen Bedingungen ist es umso bemerkenswerter, wie viel Frauen beigetragen und geleistet haben. Das Buch »Beklaute Frauen« von Leonie Schöler ist diesbezüglich sehr aufschlussreich.

Zum anderen kann man fragen: Warum zählen nur Leistungen in diesen Gebieten? Warum sind nur sie erwähnenswert im öffentlichen Raum? Frauen waren und sind immer noch häufig mit Arbeiten beschäftigt, die nicht als Arbeit und nicht als wertvoll angesehen werden: Care-Arbeit. Warum bekommt auf dem Heldenplatz in Wien der Feldherr Prinz Eugen ein bombastisches Denkmal, warum nicht Frauen, die sich um Kinder kümmern, Hotelzimmer putzen und kranke und alte Menschen pflegen?

Der Gedanke scheint zunächst vielleicht absurd. Aber warum nicht den Begriff des Heldentums unter die Lupe nehmen und neu definieren? Oder gar auf den Komposthaufen der Geschichte werfen, damit daraus wertvoller Humus für Neues werden kann?


Quellen

  

Leonie Schöler: Beklaute Frauen. Denkerinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Die unsichtbaren Heldinnen der Geschichte. München: Penguin 2024 (ISBN: 978-3-328-60323-8)