Vorurteile gegenüber Selfpublishing
Eine Wienerin in Zürich
Vier Jahre ist es nun her, seit die Idee zu meinem ersten Roman zu mir gekommen ist (die Hauptfiguren leben in Wien). Seitdem war ich auf einer spannenden Reise: Idee ausarbeiten, tiefgehend recherchieren, schreiben, überarbeiten, mir Kenntnisse über Buchmarketing aneignen, die Veröffentlichung planen.
Ich habe mich sowohl mit der Möglichkeit einer Verlagspublikation als auch mit Selfpublishing beschäftigt. Dabei ist mir aufgefallen, wie sehr Bücher, die nicht über einen Verlag herausgebracht werden, noch immer pauschal mit dem Urteil »von minderer Qualität« abgewertet werden – falls sie überhaupt Beachtung finden.
Neulich habe ich ein Buch von einem Kleinstverlag gelesen. Es strotzte nur so vor Patzern: Rechtschreib- und Grammatikfehler, Wortdoppelungen, fehlende oder falsch gesetzte Satzzeichen.
Kein Buch ist fehlerfrei, aber diese Häufung hat meinen Lesefluss empfindlich gestört. Da ich die Autorin kenne und die Geschichte spannend fand, habe ich trotzdem weitergelesen; und als Germanistin und Autorin eine skurrile Neugierde entwickelt, noch weitere Schludrigkeiten zu finden. Doch weil es ein Verlagsbuch ist, wird es automatisch wertiger gesehen als ein selbst verlegtes Buch. Ein Verlag wird als Gatekeeper für Qualität betrachtet.
Im Gegenzug gibt es Bücher von Autor:innen, die ihre Bücher in hochwertiger Ausstattung ohne Verlag herausbringen: Diese Werke sind von freiberuflichen Dienstleister:innen lektoriert und korrigiert, haben ein ansprechendes Cover, einen professionellen Buchsatz und einen auf die Zielgruppe abgestimmten Klappentext. Weil immer noch die Ansicht vorherrscht, Selfpublishing-Bücher seien Schrott, werden sie von Buchpreisen ausgeschlossen; die Autor:innen können sich nicht um Werkstipendien bewerben, sie werden von Autoren-Vereinigungen ausgeschlossen, ihre Bücher werden so gut wie nie im Feuilleton oder in Zeitschriften besprochen, Buchhändler:innen winken genervt ab.
Es sind auffallend viele Frauen, die im Selbstverlag veröffentlichen. Das kann bei einem Selfpublishing-Dienstleister sein oder im Auflagendruck. Die meisten Bücher, vor allem die finanziell erfolgreichen, folgen den Regeln von beliebten Genres wie Romance, Fantasy und Krimi. Im deutschsprachigen Raum gibt es immer noch einen tiefen Graben zwischen der sogenannt »höheren« oder »ernsten« Literatur und der »Unterhaltungsliteratur«. Genreliteratur wird als Unterhaltung eingestuft, soll heißen, hat wenig bis keinen künstlerischen, innovativen Wert.
Literatur von Frauen wurde schon früh der Unterhaltung zugeordnet bzw. als »Frauenliteratur« von der »wahren« Literatur separiert. Die Norm, die »richtige«, preiswürde Literatur, die schrieben dieser Auffassung nach Männer: Denn nur ihre Erfahrungen und ihre Sicht auf die Welt zählten. Nicole Seifert zeigt das eindrücklich in ihrem Buch »FrauenLiteratur«, wobei das Wort Frauen im Titel bewusst durchgestrichen ist.
Für mich ist eine Verlagsveröffentlichung für meinen ersten Roman immer noch die erste Wahl. Und doch bin ich für meine weiteren Projekte offen für Selbstverlag. Auf Instagram mehren sich die Stimmen von Autor:innen, dass es bei Verlagen immer schlechtere Konditionen gibt und sie auf Selfpublishing umsteigen werden. Bei Print-on-Demand-Büchern gefällt mir zudem, dass das Buch nur gedruckt wird, wenn es bestellt wird. So gibt es keine Ausgaben, die nicht verkauft werden und auf dem Müll landen. Denn ist es zu rechtfertigen, dass dafür massenhaft Bäume gefällt werden? Die Flut an Büchern ist und bleibt in dieser Beziehung ein Dilemma, in dem ich selbst stecke.
Ich bin froh, dass mein eigener Schreibprozess mich dahin gebracht hat, über den Tellerrand zu schauen. Dabei bin ich eigenen Vorurteilen im Sinne von »weniger wert« dem Selfpublishing gegenüber begegnet. Es bleibt ein Fakt, dass man es nach wie vor schwerer hat, damit als Autorin ernst genommen zu werden. Aber ich brauche mir nicht auch noch selbst einzureden, es sei auf jeden Fall die schlechtere Option und spreche für geringere Qualität. Nein! Es ist eine Möglichkeit mehr, und dafür bin ich dankbar.
Quellen
Nicole Seifert: FRAUEN LITERATUR. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt. Köln: Kiwi (Taschenbuch: 2024, gebundene Ausgabe: 2021) https://www.kiwi-verlag.de/buch/nicole-seifert-frauen-literatur-9783462006650